Rettungsdienst

Protokoll von Bagatellen

Notfallsanitäterin erzählt: Diese unnötigen Einsätze erleben wir im Osnabrücker Rettungsdienst

Elisabeth Schmidt,Wachleitung Werlte

Elisabeth Schmidt, Notfallsanitäterin beim ASB Osnabrück

Elisabeth Schmidt ist stellvertretende Rettungsdienstleiterin beim Kreisverband Osnabrück des Arbeiter-Samariter-Bunds und spricht für ihre ASB-Kollegen im Osnabrücker Rettungsdienst. Die 29-jährige Notfallsanitäterin hat selbst jahrelang Rettungsdienste in Osnabrück bestritten. Inzwischen leitet sie die emsländische ASB-Wache in Werlte und hat für unsere Redaktion vermeidbare Einsätze in Osnabrück gesammelt, die wir hier protokollieren. Der ASB fährt Rettungseinsätze im Auftrag der Stadt und unterhält eine Rettungswache an der Frankenstraße in Osnabrück – unweit von Bahnhof, Neumarkt, Hasepark und Güterbahnhof. Wir haben einen sehr zentralen Standort in Osnabrück, weshalb unser Rettungswagen häufig zu Einsätzen in der Innenstadt gerufen wird. Die Nähe zu den umliegenden Diskotheken und Clubs tat in Vor-Corona-Zeiten ihr Übriges. Zu den diversen durch Alkohol ausgelösten Einsätzen sage ich diesmal nichts. Aber allein dazu könnte ich stundenlang erzählen...

Das Personal im Rettungsdienst hat durchweg eine sehr anspruchsvolle Ausbildung genossen. Die Kollegen haben in der Regel eine hohe Sozialkompetenz und wollen helfen. Unser Job ist es, medizinische Notfälle zu versorgen, aber wir werden zu so viel Unsinn herbeigerufen, dass es einen manchmal verzweifeln lässt. Ein Kollege aus dem Osnabrücker Rettungsdienst hat mir kürzlich sein Herz ausgeschüttet, nachdem er zwei sehr frustrierende Dienste erlebt hatte. Notizen aus zwei Diensten

Das sind seine Notizen: Eine Frau hat seit zwei Wochen Rückenschmerzen, Diagnose Hexenschuss. Zur Schmerztherapie ist sie in hausärztlicher Behandlung und wartet auf einen MRT-Termin. Nun möchte sie vom Rettungsdienst wissen, ob sie noch heute im Krankenhaus ein MRT bekommt, da sie nicht länger warten möchte. Eine Patientin hat vor zwei Tagen per Kaiserschnitt entbunden und verspürt Schmerzen im Bereich der OP-Narbe. Bei der Entlassung aus dem Krankenhaus hatte sie Paracetamol als Schmerzmittel bekommen. Dieses sei nun leer, die Schmerzen bestünden aber weiter. Die Patientin fragt, ob das Rettungsdienstpersonal neues Paracetamol geben könne. Ein Patient ist in seiner Wohnung gefallen und hat sich eine Abschürfung am Ellenbogen zugezogen. Der Rettungsdienst soll sich nun anschauen, ob sich die Stelle entzünden kann. Haben die Sanitäter zufällig ein Pflaster dabei?

Ein Kleinkind ist beim Spielen vom Sofa gefallen. Es sind keine Verletzungen erkennbar, es verspürt offenbar keine Schmerzen. Die Mutter möchte, dass sich der Rettungsdienst das Kind anschaut, da es normalerweise schreit, wenn es sich verletzt hat, dieses Mal aber still blieb. Die jungen Eltern eines vier Monate alten Säuglings haben den Rettungsdienst gerufen. Ihr Säugling schreit seit 30 Minuten ohne Pause. Sie wüssten nicht, was das Kind haben könnte. Es habe noch nie so lange geschrien. Ein Patient mit reduziertem Allgemeinzustand bleibt seit einer Woche zu Hause. Der Hausarzt wurde nicht aufgesucht. Sonntagnachts um drei Uhr macht sich die Ehefrau Sorgen und ruft den Rettungsdienst. Sie fragt, ob ihr Mann nicht eine Antibiotika-Infusion bekommen könne.

Eine Dame im Altenheim ist aus dem Rollstuhl gekippt. Es sind keine Verletzungen erkennbar, sie spürt keine Schmerzen. Das Pflegepersonal ruft den Rettungsdienst. Die Dame solle zur Abklärung ins Krankenhaus. Auf die Frage, was untersucht werden solle, gibt es keine Antwort.

Ein Patient steht an der Straße und gibt an, dass er sich an einem verschluckten Bonbon geschnitten habe. Er leide unter Schmerzen in der Speiseröhre. Auf die Frage, warum er die 500 Meter bis zum nahe gelegenen Krankenhaus nicht eben selbst gelaufen sei, gibt er an, dass er „ein Anrecht auf einen Rettungswagen“ habe, schließlich habe er eine Krankenversicherung. Im Krankenhaus angelangt, wird ihm vom Personal mitgeteilt, dass er lange warten müsse. Daraufhin beschließt der Patient, direkt wieder nach Hause zu gehen. Die Besatzung des Rettungswagens steht fassungslos daneben.

Ich könnte die Liste anhand meiner eigenen Einsätze in Osnabrück ewig weiterführen. Notruf aus Unsicherheit

Traurigerweise war diese Aufzählung meines Kollegen wirklich nur das Ergebnis aus zwei Schichten. Viel zu oft wird der Rettungsdienst aus Unwissenheit und Unsicherheit alarmiert. Ich habe für mich selbst versucht, nach den Gründen dafür zu fahnden, und eine Reihe von Fehlentwicklungen ausgemacht.

Zuvorderst sind da die Patienten und Angehörigen, die es schlichtweg nicht besser wissen. Sie sind überfordert und unsicher und wählen den Notruf, statt einen kühlen Kopf zu bewahren und sich zu informieren. Manche sind dazu auch sprachlich oder kognitiv nicht in der Lage. Häufig wird der Rettungsdienst immer noch mit dem Kassenärztlichen Notdienst verwechselt. Viele Patienten wollen dann „einfach nur eben“ eine Spritze oder eine Tablette. Auch Pflegende in Einrichtungen lassen Patienten lieber „eben“ im Krankenhaus durchchecken, nicht dass da doch noch etwas ist, was sie übersehen haben.

Es gibt offenbar in Teilen der Bevölkerung ein gewisses Anspruchsdenken nach dem Motto: ,Ich habe einen Anspruch auf einen Rettungswagen, ich bezahle schließlich dafür.‘ Diese Sicht blendet völlig aus, dass die 112 eigentlich medizinischen Notfällen vorbehalten ist: Verletzungen, Vergiftungen und schweren Erkrankungen. Weil Patienten sich nicht finanziell an einem Einsatz beteiligen müssen, fehlt ihnen das Empfinden für die hohen Kosten, die durch einen Rettungseinsatz entstehen.Verzahnung fehlt

Hinzu kommt, dass die Disponenten in den Leitstellen nicht einfach ein Hilfeersuchen ablehnen können, wenn der Anrufer darauf besteht, dass ein Rettungswagen benötigt wird. Die Leitstellen schicken lieber einen Rettungswagen zu viel zu einem unnötigen Einsatz, als einen zu wenig zu einer banal erscheinenden Sache, die sich nachher doch als echter Notfall darstellt. Der Disponent kann leider nicht den kassenärztlichen Notdienst als Alternative alarmieren, da die Leitstelle nur die Einsätze von Rettungsdienst und Feuerwehr koordiniert. Die Verzahnung zum ärztlichen Bereitschaftsdienst, der für die weniger dringenden Patienten außerhalb von Praxisöffnungszeiten gedacht ist, fehlt.

So wird letztlich Verantwortung weitergeschoben. Auch wir bringen Patienten ins Krankenhaus, die darauf bestehen – und in der Klinik zeigt uns das Personal dann einen Vogel. Die Notaufnahmen sind ja ebenfalls völlig überlaufen, teils von Patienten, die am nächsten Morgen beim Hausarzt bestens aufgehoben wären.Da werden Sie geholfen

Letztlich ist es leicht, den Notruf zu wählen und sich helfen zu lassen. Das erleben wir in der Osnabrücker Innenstadt besonders oft: „Da liegt einer, ich habe mich aber nicht getraut, den mal anzufassen.“ Natürlich sind wir dankbar, wenn Menschen hinschauen und Hilfe rufen – bitte, nicht falsch verstehen. Aber nicht immer, wenn jemand auf einer öffentlichen Parkbank liegt, verbirgt sich dahinter ein medizinischer Notfall.

Wenn man mal wieder mit einer Bagatelle beschäftigt war und zeitgleich über Funk von einem echten Großeinsatz im Bereich der eigenen Wache hört, ist das ein großes Ärgernis. Da fahren dann Kollegen hin, die im Zweifel ein paar Minuten länger unterwegs sind. Wenige Minuten können im Rettungswesen entscheidend sein. Es trägt zudem nicht gerade zur Motivation und Zufriedenheit der Mitarbeiter bei, wenn sie Pflaster verteilen, statt sich um echte Notfälle zu kümmern, wozu sie ausgebildet sind.

Interessanterweise sind die Einsatzzahlen nicht nur im Krankentransport, sondern auch in der Notfallrettung in den letzten Monaten unter Corona-Einfluss gesunken. Nicht auszuschließen, dass die Menschen aus Angst, sich anzustecken, vermeidbaren Kontakt zu Rettungspersonal gescheut haben – und ihre Schürfwunden und Schnupfnasen außerhalb der hausärztlichen Praxisöffnungszeiten einfach selbst behandelten. Dann hätte die Pandemie sie zumindest etwas Sinnvolles gelehrt. Wobei: Unsere Einsatzzahlen steigen aktuell schon wieder an.